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Alter eines Baumes abschätzen

Altersangaben auf dieser Website

Die Altersangaben der Bäume auf dieser Website sind bis auf wenige Ausnahmen geschätzt. Ausgehend von Art und Stammumfang berücksichtigt die Schätzung die Wuchsform und die Umwelt (Boden, Wasser, Licht, Klima, Mensch) des Baums.

Solche Schätzungen können nur in Ausnahmefällen z. B. durch Auszählen von Jahresringen verifiziert werden. Deshalb sehe ich es in den meisten Fällen als problematisch an, wenn im Zusammenhang mit Altersschätzung von "persönlicher Erfahrung" gesprochen wird. 

Über die Zusammenhänge zwischen Alter und den verschiedenen Faktoren sind kaum wissenschaftlich gesicherte Zusammenhänge bekannt. Dazu kommt die unbekannte Gen-Ausstattung der Baum-Individuen. Die Altersschätzungen sind deshalb mit großen Unsicherheiten verbunden.

Jahresringe zählen

Das Alter eines Baumes lässt sich feststellen, indem man die Jahresringe zählt. Das ist aber an einem nicht auseinander geschnittenen Stamm nicht einfach.

  • Mit Schall oder anderen Wellen kann der Stamm "durchleuchtet" und die Ringe sichtbar gemacht werden. Das wird heute bei alten Bäumen angewandt, um z. B. festzustellen, ob der Baum noch ausreichend standfest ist. Für eine regelmäßige Altersbestimmungen ist das Verfahren zumindest für den Privatgebrauch zu aufwändig und zu teuer.
  • Mit einem Bohrer kann ein Bohrkern entnommen die Jahresringe abgezählt werden. Auch wenn dies fachmännisch erfolgt, wird damit der Baum verletzt. Das Verfahren bringt auch nur dann richtige Ergebnisse, wenn der Baum nicht hohl ist (gerade alte Bäume sind häufig hohl) und man mit der Bohrung den Mittelpunkt der Jahresringe einigermaßen trifft. Dieser liegt oft nicht im Mittelpunkt des Stammes.
  • Bei einem umgefallenen oder gefällten Baum legt ein Stammquerschnitt die Jahresringe frei. Es ist aber selbst an einem relativ glatten Motorsäge-Schnitt wie in Abb. 1 gar nicht so einfach, die Jahresringe eindeutig durchzuzählen. Ich habe an mehreren Radien einige Male gezählt und bin bei dem Pappelstamm mit einem BHU von 480 cm auf rund 90 Ringe gekommen. Das entspricht einem durchschnittlichen Zuwachs des Stammumfangs von 5,3 cm im Jahr. 
Abb. 1: Stammquerschnitt einer im Juli 2023 vom Sturm umgeworfenen etwa 90-jährigen Pappel bei Palzing, der Stamm hatte einen BHU von 480 cm 

Abb. 2: Gedenksteine liefern oft ein plausibles Pflanzjahr des Baums.

In der Geschichte kramen

In manchen Fällen gibt es Aufzeichnungen über die Pflanzung eines Baums. Auch Gedenksteine helfen oft weiter (Abb. 2). Gelegentlich hat man Glück und findet einen meist älteren Menschen, der sich erinnert, dass der Baum in seiner Jugend noch "so hoch" war oder dass ihn der Vater oder Großvater aus bestimmtem Anlass gepflanzt hat. Auch alte Karten können dabei hilfreich sein, die Ursprünge eines Baums zumindest einzugrenzen. Andrea Kamphuis hat dies und die Probleme der Altersbestimmung in ihrer Website principia-magazin sehr anschaulich und unterhaltsam dargestellt. (13)

Berechnung mit Altersfaktoren

Der Stamm eines gesunden Baums wird jedes Jahr etwas dicker. Wie dick ein Baumstamm ist, hängt u. a. von der artspezifischen Wüchsigkeit und dem Alter ab. Oder anders herum: kennt man die Baumart und die Dicke des Stammes, kann man das Alter des Baumes grob abschätzen. Da zwischen Durchmesser und Umfang ein direkter Zusammenhang besteht (Umfang = 3,14 * Durchmesser), kommt man auch mit dem Messen des Stammumfangs zum Ziel. 

Man findet in der Literatur zwei Arten von Altersfaktoren für die Ableitung des Baumalters aus dem Stammumfang. Beide sagen das Gleiche aus und sind leicht ineinander umzurechnen:

  1. Der Faktor nennt die Zeit, die für den Wuchs von 1 cm Stammumfang notwendig sind. Für Eichen werden oft 0,4 oder 0,45 Jahre/cm genannt.
  2. Die andere, anschaulichere Möglichkeit nennt den Zuwachs des Stammumfang pro Jahr, also in cm/Jahr. Das ist der reziproke Wert der unter 1. genannten Methode. Für Eichen wären die entsprechenden Werte also 2,2 bzw. 2,5 cm/Jahr.

Kennt man den Stammumfang, kann man mit beiden Faktoren das Alter berechnen, im 1. Fall durch Multiplikation, im 2. Fall mit Division. Ein Baum mit 500 cm Stammumfang und einem mittleren jährlichen Zuwachs des Stammumfangs von 2,5 cm hat, ist demnach rund 200 Jahre alt.

Wie der Stammumfang eines Baumes für diese Website gemessen wird, ist hier beschrieben.

Altersfaktoren findet man in Internet-Anwendungen und anderen Veröffentlichungen (siehe Kasten). Die Werte der verschiedenen Anwendungen wurden - soweit notwendig - umgerechnet und sind in der Zuwachs-Tabelle gegenübergestellt.

Altersfaktoren aus verschiedenen Quellen

Ich habe im Internet vier Anwendungen zur Altersabschätzung gefunden. Eine davon sind heute nicht mehr online. Auch drei Veröffentlichungen äußern sich dazu etwas näher. 

1. baumsicht.de (15)

2. baumportal.de: Baumalter-Schätz-O-Meter (14)

3. cliftonpark.org: How Old Is This Tree? (17)

4. sondengänger-allgaeu.de (16): nicht mehr online

5. ZierH-2000: eine Veröffentlichung der Bundesfinanzverwaltung (38)

6. Alan Mitchell: Die Wald- und Parkbäume Europas (112)

7. Roland Kappel und Claus Mattheck: Wie genau ist die Mitchell-Formel zur Altersbestimmung aus dem Stammumfang? (113

Wenig Zeit? Gehen Sie gleich zur den Schlussfolgerungen!

Internet-Anwendungen und die ZierH-2000

Die Quellen der Werte in den Internet-Anwendungen sind weitgehend unklar. Nur baumsicht nennt als Quelle "Hinweise zur Wertermittlung von Ziergehölzen als Bestandteile von Grundstücken (Schutz- und Gestaltungsgrün) – Ziergehölzhinweise 2000 – ZierH 2000" des Bundesministeriums für Finanzen – Bundesfinanzverwaltung (Hrsg.) vom 20. März 2000, Bundesanzeiger Nr. 94 vom 18. Mai 2000 (38). Woher auf der Seite von baumsicht die Werte für Nadelgehölze stammen, blieb auch auf Nachfrage ungeklärt.

Die in der ZierH-2000 als Anhang III aufgeführte Tabelle enthält jährliche Zuwachsraten für den Stammumfang für Laubgehölze. Für Nadelgehölze wird der jährliche Höhenzuwachs genannt, was hier nicht weiterführt.

Als Quelle für die Werte wird in der ZierH 2000 genannt: „Buchwald; H. H. (1988): ‚Wertermittlung von Ziergehölzen ...‘ Schriftenreihe des Haup[t]verbands der landwirtschaftlichen Buchstellen und Sachverständigen e.V. (HLBS) Heft Nr. 122, Verlag Pflug und Feder (verändert)“. Diese Veröffentlichung wird inzwischen wieder beim Verlag angeboten (14,40 €).

Die in der Veröffentlichung von Buchwald erläuterte Methode zur Wertbestimmung ist in Fachkreisen der Sachverständigen umstritten. Sie führt offensichtlich zu Entschädigungshöhen, die für die Öffentliche Hand günstig sind. Die Altersfaktoren selbst stehen nicht in der Kritik.

Zu bedenken ist, dass die Werte für Zierpflanzen erarbeitet wurden, also für Bedingungen, die möglicherweise andere sind als für einen Flur- oder anderen Baum. 


"Die Schätzung des Alters von Bäumen" von Allan Mitchell

Alan Mitchell beschreibt in seinem Buch 'Die Wald- und Parkbäume Europas' im Kapitel 'Die Schätzung des Alters von Bäumen' den Zusammenhang zwischen dem Stammumfang und dem Alter des Baumes (112). Demzufolge beträgt der Standard-Zuwachs bei Bäumen mit voll entwickelter Krone im Durchschnitt jährlich 2,5 cm. Ein Baum mit 2,50 m Stammumfang ist in der Regel etwa 100 Jahre alt. Das gilt nach Mitchell für die meisten Laub- und Nadelbäume. 

Ausnahmen sind demnach die mit einem jährlichen Zuwachs von 5-7,5 cm schnell wachsenden Arten wie Mammutbäume, die Libanonzeder, Sitkafichte, Douglasie, Riesen-Lebensbaum, Helmlocktanne, Silberweide, einige Pappeln einschließlich der Pyramidenpappel, Roteiche, Tulpenbaum, Platane und die meisten Eukalyptusarten. 

Auf der anderen Seite nennt Mitchell auch Arten, bei denen der genannte Standard-Zuwachs relativ früh bereits unter 2,5 cm sinkt: Kiefer, Fichte, Eibe, Rosskastanie, Europäische Linde und "die meisten niedrig bleibenden Baumarten".  

Die genannten Zuwächse sind nicht über die gesamte Lebenszeit gleich. In der Jugend ist die jährliche Zunahme des Stammumfangs höher, es folgt eine längere Zeit des genannten Standard-Zuwachses. Mit der Vergreisung der Krone geht ein Rückgang des Zuwachses einher. Liegt dieser unter 0,5 cm im Jahr, geht das Leben der Bäume dem Ende zu.

Am Beispiel einer "Eiche" auf "gutem Boden" differenziert Mitchell den jährlichen Zuwachs: 

  • Bis etwa 70 Jahre: 3,5 bis 5 cm/Jahr. Der Baum hat demnach bereits nach 70 Jahren einen Stammumfang von durchschnittlich 298 (70 Jahre * 4,25 cm/Jahr), mindestens aber 245 cm. Dies kann mit obiger Aussage zur 100-jährigen Eiche nur dann in Einklang gebracht werden, wenn der "gute Boden" dies bewirkt.
  • Ab einem Alter von 70 Jahren bis zu einem Umfang von ca. 630 cm trifft der Standard-Zuwachs von 2,5 cm /Jahr zu. Der Zuwachs in diesem Lebensabschnitt liegt demnach bei ca. 332 cm (630 - 298 cm), der Baum ist um 133 Jahre älter (332 cm / 2,5 cm), also 203 (70 + 133) Jahre alt. Bezogen auf sein Gesamtalter hat der Baum damit einen durchschnittlichen Zuwachs von jährlich 3,1 cm.
  • Danach geht mit lichter werdender Krone der jährliche Zuwachs stärker zurück und sinkt letztlich unter 0,5 cm/Jahr. Der Baum ist in seiner letzten Lebensphase angekommen. 

Es ist selbstverständlich, dass sich der Zuwachs nicht abrupt mit Erreichen einer der genannten Altersabschnitte, sondern kontinuierlich ändert.

Die genannten Werte gelten Mitchell zufolge für einzeln stehende Bäume, also z B. für Flurbäume. In geschlossenen Beständen (Wald) stecken die Bäume wegen der Lichtkonkurrenz mehr Kraft in das Längenwachstum, deshalb sind Waldbäume bei gleichem Umfang doppelt so alt (Standard-Zuwachs = 1,3 cm/Jahr). Für Straßenbäume liegt der jährliche Standard-Zuwachs wegen anderer erschwerenden Bedingungen (Wassermangel wegen Versiegelung, Salzbelastung) dazwischen (1,7 cm/Jahr). 

Der Übersetzer von Mitchells Buch weist in der 1979 erschienenen deutschen Übersetzung darauf hin, dass offen bleiben muss, ob die vom Autor für die Britischen Inseln festgestellten Gesetzmäßigkeiten auch für den europäischen Kontinent gelten. Ich gehe davon aus, dass zumindest für einige Baumarten das regenreiche und frostarme Klima Großbritanniens bekömmlicher ist als das bayerische, der jährliche Zuwachs in Bayern deshalb etwas geringer ist und deshalb die Bäume bei gleichem Stammumfang etwas älter sind.

Unklar bleibt die Antwort auf die Frage, für welche Arten die "Standard-Werte" gelten. Ist mit "Eiche" die Stieleiche gemeint oder auch andere Arten der Gattung? Es kann jedenfalls nicht sein, dass die Aufzählung der Ausnahmen (siehe oben) abschließend ist.

In der Zuwachs-Tabelle habe ich in wohlmeinender Interpretation den Mitchell'schen "Standard-Zuwachs" von 2,5 cm/Jahr allen in Nord- und Mitteleuropa weit verbreiteten "Standard-Arten" zugewiesen, die nicht ausdrücklich als Ausnahmen genannt sind. Arten, bei denen der Zuwachs bald unter den Standard von 2,5 cm/Jahr fällt, erhielten in der Tabelle 2,0 cm/Jahr, die Eibe 1,0 und schnell wachsende den Mittelwert 6,3.


"Wie genau ist die Mitchell-Formel zur Altersbestimmung aus dem Stammumfang?" von Kappel & Matteck

Roland Kappel und Claus Mattheck berichten in ihrem Artikel 'Wie genau ist die Mitchell-Formel zur Altersbestimmung aus dem Stammumfang?' (113) über ein Projekt zur Überprüfung dieses Zusammenhangs. Dazu wurden jeweils mindestens 20 Exemplare von 6 Baumarten (Buche, Eiche, Edelkastanie, Pappel, Fichte, Kiefer) im Alter von 19 bis 154 Jahren auf 4 verschiedenen Standorten (Hardwald bei Karlsruhe, Auwald bei Leimersheim, Pfälzer Wald, Sauerland) untersucht. 

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Altersbestimmung nach Mitchell unter den genannten Bedingungen prinzipiell gute Ergebnisse liefert, nennen aber leicht abweichende Zuwachsraten (Tabelle 1).

Tabelle 1: Jährlicher Standard-Zuwachs des Stammumfangs (cm/Jahr), Vergleich der Ergebnisse

Baumart Kappel & Mattheck: Zuwachs, cm/Jahr Mitchell: Zuwachs für Waldbäume, cm/Jahr Mitchell: Zuwachs für Straßenbäume, cm/Jahr Mitchell: Zuwachs für Solitärbäume, cm/Jahr
Buche 1,9 1,3 1,7 2,5
Eiche 2 1,3 1,7 2,5
Edelkastanie 2,4 1,3 1,7 2,5
Pappel 5,7 2,5-3,8 3,3-5 5-7,5
Fichte 2,5 1,3 1,7 2,5
Kiefer 1,6 1,3 1,7 2,5

Die Daten von Kappel & Matteck stammen allerdings vorwiegend von Bäumen in geschlossenen Beständen. Die von Mitchell genannte jährliche Standard-Zuwachsrate im Wald von 1,3 cm konnte nicht nachvollzogen werden, sie lag hier deutlich höher. Die über verschiedene Standorte ermittelten Zuwachsraten streuen erwartungsgemäß ziemlich weit um den Mittelwert, je nach Art liegt die Standardabweichung zwischen 16 und 32 %. Für die Eiche lag der Wert bei 18,9 %. Die Variation innerhalb eines Standorts war ähnlich der zwischen den Standorten. 

Es bleibt weitgehend offen, ob die Ursache für die Abweichungen von den Mitchell-Faktoren im Untersuchungsdesign, in den Unterschieden der Boden-, Klima-, Licht- und Nährstoffverhältnisse oder aber in der individuellen Genausstattung liegt.  

Diese und die Veröffentlichung von Mitchell liegen bereits viele Jahre vor und finden sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis Zustimmung und Anwendung, z. B. im Projekt 'Historische Parkwälder' (114) oder in Informationen von Sachverständigen für Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (115).


Kritische Betrachtung der Korrelation zwischen Stammumfang und Alter

  • Die in den verschiedenen Quellen genannten Faktoren sind zum Teil ähnlich, weichen zum Teil aber auch erheblich voneinander ab (siehe Zuwachs-Tabelle). Für die Roteiche nennt Mitchell einen 4,9 mal größeren Wert als Clifton Park. Sehr groß sind auch die Abweichungen zwischen dem kleinsten und dem größten Wert für die Gewöhnliche Douglasie, die Gewöhnliche Roßkastanie, die Amerikanische Platane und die Schwarzpappel (Abweichungen größer Faktor 3). Mindestens um den Faktor 2 sind die Abweichungen bei den übrigen Pappeln, der Silberweide, den drei Mammutbaum-Arten, bei Linden, Gemeiner Fichte, Eibe und den Eichen.
  • Diese konstanten Faktoren vernachlässigen, dass die individuelle Gen-Ausstattung und die Faktoren der Umwelt entscheidenden Einfluss auf das Pflanzenwachstum haben.
  • Folgende Beispiele zeigen die große Fehlerträchtigkeit, wenn das Alter nur mit Hilfe des Stammumfangs geschätzt wird:
    •  Die älteste datierte Rotbuche Zentraleuropas keimte 1474 im heutigen Nationalpark Kalkalpen in Österreich, ist also etwa 550 Jahr alt. Sie hat einen BHU von 229 cm und damit einen jährlichen Zuwachs von durchschnittlich nur etwa 4 mm. Dies dürfte darauf zurück zu führen sein, dass ihr Lebensraum klimatisch ungünstig ist und sie ihre ersten hundert Lebensjahre im Schatten von Altbäumen verbracht hat (120).  
  • Abb. 3 zeigt als Ergebnis der Bundeswaldinventur 2012 den Zusammenhang zwischen Brusthöhendurchmesser (= BHU / 3,14) und Alter bei Feldahorn (27). Sowohl der Stammumfang in einem bestimmten Alter als auch das Alter bei gegebenem Stammumfang streuen sehr breit.
Abb. 3: Brusthöhendurchmesser (BHD) des Feldahorns über dem Alter in Bayern (grün) und Deutschland (gelb). (27)


Schlussfolgerungen

  • ​Bäume wachsen je nach Art unterschiedlich.
  • Das Wachstum der Bäume wird beeinflusst von der artgemäßen genetischen Ausstattung und der Umwelt. 
  • Da Bäume sich zumindest nicht nur klonal fortpflanzen, unterscheidet sich ihre Gen-Ausstattung auch innerhalb einer Art.
  • Der Zuwachs des Stammumfangs ist anfangs höher und geht im Lauf der Zeit zurück. Die Länge der einzelnen Wachstumsphasen hängt vom Alter ab, das diese Art durchschnittlich erreicht.
  • Die Umwelt nimmt Einfluss auf das Wachstum im wesentlichen über die Verfügbarkeit von Wasser, Luft, Licht und Nährstoffen, das Klima, die Immission von Schadstoffen (z. B. Salz, Pestizide) und Krankheitserregern.
  • Die Schätzung des Alters von Bäumen wird um so genauer, je besser diese Umweltbedingungen berücksichtigt werden.
  • Gute Wuchsbedingungen sorgen dafür, dass die Bäume besser wachsen. Deshalb sind solche Bäume bei gleichem Stammumfang jünger als andere. 


Abb. 4 zeigt den geschätzten Zusammenhang zwischen Stammumfang und Alter für Stieleichen als Einzelbaum (= Flurbaum) in Bayern. In diesen Kurvenverlauf sind die Angaben von Mitchell (Standardzuwachs, Verlauf mit zunehmendem Alter), Kappel & Mattheck (Standardabweichung für die Eiche) und ein kleiner bayerischer "Klimazuschlag" auf das Alter eingegangen. 

Die Kurve wurde mit den auf den Seiten der Baum-Community registrierten Bäumen abgeglichen. Allerdings betreffen die Angaben dort in der Regel nur Bäume in ihrer zweiten Lebenshälfte. Konkrete Anhaltspunkte für die Richtigkeit der dort vorgenommenen Altersschätzungen liegen in der Regel auch hier nicht vor. Man findet dort durchgeführte Altersschätzungen von Menschen, die sich mit Bäumen beschäftigen. 

Abb. 4: Stammumfang und Alter bei Stieleichen als Flurbaum in Bayern 

Der in Abb. 4 eingetragene Streuungsbereich ist nicht so zu verstehen, dass darüber hinaus keine Abweichungen möglich sind. Vielmehr ist es der Bereich, in dem die meisten Werte erwartet werden können. Günstige und ungünstige Standortverhältnisse (Tabelle 2), aber auch die individuelle Genetik verursachen diese Streuung.

Die Mittelwert-Kurve in Abb. 4 lässt sich im Bereich bis 525 cm Stammumfang mit der polynomischen Gleichung 

Alter = 0,0003 * Stammumfang2 + 0,3367 * Stammumfang

und darüber mit

Alter = 0,0006 * Stammumfang2 + 0,1786 * Stammumfang

gut beschreiben (Quelle: Excel 2019, Stammumfang jeweils in cm).


Faktoren, die das Dickenwachstum von Bäumen beeinflussen

Umwelt

Gute Wuchsbedingungen führen zu überdurchschnittlichem Wachstum. Allerdings hat sich bei uns die Waldnutzung meist auf die regional jeweils ungünstigeren Standorte zurückgezogen.

Tabelle 2: Umwelt und (Dicken-)Wachstum von Bäumen (in Klammern Beispiele für entsprechende bayerische Regionen)

Umwelt-faktor günstig: Dickenwachstum über dem Ø mittel: Ø Dickenwachstum ungünstig: Dickenwachstum unter dem Ø
Klima gemäßigt ozeanisches Klima wie in England oder an der Küste und im Nordwesten von Deutschland mit wenigen Frosttagen und ausgeglichenen Temperaturverhältnissen (Rhein-Main-Ebene westlich des Spessarts)
hohe Niederschlagsmengen (Mittelgebirge, Alpen)
gemäßigt kontinentales Klima
mittlere Niederschlagsmengen (wie im Rest Bayerns)
Mittelgebirgslagen mit häufigem und länger anhaltendem Frost, starke Temperaturschwankungen (Spessart, Rhön, Frankenwald, Fichtelgebirge, Pfälzer und Bayerischer Wald, Schwäbische und Fränkische Alb, Alpen)
geringe Niederschlagsmengen (Unterfranken im Raum Schweinfurt-Kitzingen)
Boden tiefgründig, steinfrei, nährstoffreich, kalkhaltig, unversiegelt, hohe nutzbare Feldkapazität (Ochsenfurter Gau, Straubinger Gäuboden)
Grundwasser: für Baumarten, die daraus Nutzen ziehen können, ist direkter Grundwasseranschluss von großem Vorteil, z. B. für viele Pappeln und Weiden, Schwarzerle, Stieleiche, Tanne, Kiefer, Eschen, Hainbuche, Hängebirke (in allen Flußauen)
Ausgangsgestein: Löss und lössähnliches Substrat
Bodentyp: Parabraunerde, Kolluvium, bedingt Gley und Auenboden
Bodenart: mit hohem Schluffanteil
mittelgründige Verwitterungsböden mit Lössbeteiligung (Tertiäres Hügelland, Fränkische Platten, Grabfeld)
Ausgangsgestein: Sedimente, Sedimentgestein, Kalkstein, z. T. mit geringer Lössbeteiligung
Bodentyp: Braunerde, Pseudogley, Pararendzina
Bodenart: mit mittlerem Schluffanteil
flachgründig, steinig, nährstoffarm, versiegelt, geringe Wasserkapazität (Siedlungsbereich, Mittelgebirge, Alpen)
Grundwasser kann für manche Arten eher ein Problem sein, z. B. für Fichte, Lärche, Douglasie, Rotbuche, Speierling, Edelkastanie und Linden (in allen Flussauen)
Ausgangsgestein: Flugsand, Sandstein, Ton, Tonstein
Bodentyp: Ranker, Rendzina, Pelosol, Rohboden
Bodenart: sehr geringer Schluffanteil, reine Sand- oder Tonböden
Licht Standort mit vollem Lichteinfall (Einzelbaum im Park oder in der Feldflur) Standort mit eingeschränktem Lichteinfall (Waldrand, Gehölzrand, Hecke, Bebauung) Standort im dichten Baumbestand (Wald)
Salzim-mission straßenferne Standorte - Straßenbäume in Regionen mit häufigem Frost


Informationen zum regionalen Klima sowie zu Geologie und Böden mit kartenmäßiger Darstellung für Bayern sind zum Beispiel auf dem Bayerischen Klimainformationssystem und bei BayernAtlas zu finden. In anderen Bundesländern gibt es vergleichbare Kartendienste.


Umweltveränderungen während der Lebenszeit

Tabelle 3: Auswirkungen langfristiger Umweltänderungen auf das Baumwachstum

Umweltänderung mögliche Auswirkungen auf das Baumwachstum: + -
Waldrodung + geringere Licht- und Nährstoffkonkurrenz
Waldbegründung - höhere Licht- und Nährstoffkonkurrenz
Entwässerung von Nassflächen und Mooren - Wassermangel
+ - Abbau organischer Substanz im Boden führt zu höherer Stickstoffversorgung, aber insgesamt geringere Bodenfruchtbarkeit
Straßenbau - Versiegelung, Salzbelastung
Straßenverlegung, -begradigung + Entsieglung, Salzentlastung
Umwandlung von Grünland in Ackerland - Störung im oberen Bodenhorizont durch Bodenbearbeitung
+ bessere Nährstoffversorgung
Klimaänderung + - verändertes Niederschlagsregime, höhere Temperaturen
+ höherer CO2-Gehalt in der Luft


Bei der Betrachtung der Umwelteinflüsse auf das Baumwachstum sind auch Veränderungen während der Lebenszeit eines Baumes zu berücksichtigen (Beispiele siehe Tabelle 3).

Genetische Ursachen

Individuen der gleichen Art unterscheiden sich im Rahmen der genetischen Vielfalt. Dies wird selbst bei bester Einschätzung anderer Ursachen der Grund für eine breite Streuung jeglicher Ableitung des Alters vom Stammumfang bleiben.

Mess-Verfahren

Als Stammumfang gilt der kleinste Umfang des stärksten Stammes zwischen Boden und 1,30 m Höhe (andere Autoren nennen z. T. abweichende Kriterien). Für eine Ableitung des Baumalters sollte man wissen, wie das Maß des Umfangs zustande gekommen ist, um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Bei einem Baum mit einer Verzweigung unterhalb der Messhöhe liegt ein deutlich schwächeres Maß vor als bei einem gleich alten Baum ohne solche Verzweigung. Andererseits kann eine Verzweigung oberhalb der Messhöhe zu einer altersuntypischen Verdickung in der Taille führen.

Der Baum in Abb. 2 misst in der Taille knapp über dem Boden 402 cm, der dickere Stamm in 1,30 m Höhe, also der nach den Vorgaben "richtige" Stammumfang, 238 cm (2020). Beide Maße führen aber bei einer Altersschätzung ohne Berücksichtigung des Messverfahrens in die Irre. Die Taillen-Messung führt zu einem höheren, die BHU-Messung zu einem niedrigeren Alter. Wegen des Gedenksteins lässt sich das Alter der Lawson'schen Scheinzypresse gut abschätzen. Sie dürfte 1908 gepflanzt worden sein und deshalb inzwischen (2023) ein Alter von rund 120 Jahren haben.

Abb. 6: zusammengewachsene Fichte mit einem BHU von 399 cm. Der Verzweigungspunkt liegt inzwischen ca. 7 m hoch, der deutliche Rindengrat reich bis zum Boden.
Abb. 5: deutlicher Rindengrat bei einer Gemeinen Esche, der Verzweigungspunkt ist inzwischen über 2 m hoch gewachsen. Der Stammumfang beträgt 516 cm in 90 cm Höhe (Taille, 2023).


Nicht selten trifft man auf Bäume, deren ursprünglicher Verzweigungspunkt in Bodennähe im Lauf der Jahrzehnte oder Jahrhunderte durch Zusammenwachsen zweier - oder gar mehrerer - Stämme über einige Meter nach oben gewachsen ist (Abb. 5 und 6). Gleiches gilt für nah nebeneinander aufgewachsene Sämlinge oder Setzlinge der gleichen Art. Nicht immer ist ein zusammengewachsener Stamm so gut zu erkennen wie bei der Fichte in Abb. 6. Oft weist aber ein von der Verzweigung bis zum Boden verlaufender Rindengrat auf verwachsene Stämme oder Bäume hin. 

Bei solchen Stämmen ist auch bei "richtiger" Messung in der Taille zu berücksichtigen, dass diese aufgrund der Wuchsform oft einen größeren Umfang hat, als bei einem nicht zusammengewachsenen Stamm. Dies lässt den Baum älter erscheinen, als er tatsächlich ist. Bei der Fichte in Abb. 6 mit einem ungewöhnlich großen Stammumfang von 399 cm ist dies offensichtlich.


ähnliche Methode

Gelegentlich findet man auch Hochrechnungen aus zwei Messungen des Stammumfangs mit bekanntem Zeitabstand nach folgendem Schema:

In 10 Jahren hat der Stammumfang 30 cm zugenommen, die individuell festgestellte Zuwachsrate beträgt also 3 cm/Jahr. Insgesamt misst der Stamm 250 cm. Der Baum ist demnach 250/3 = 83 Jahre alt. 

Diese Methode erlaubt eine relativ genaue Abschätzung des Alters vor allem bei jüngeren Bäumen. 

Im ermittelten Zuwachs sind die Umweltbedingungen dann weitgehend (nicht alle) abgebildet und die Zuwachskurve (Abb. 4) ist - ausgehend vom Nullpunkt - noch in einem nahezu linearen Bereich. Hauptproblem dieser Methode ist, dass für einigermaßen korrekte Ergebnisse die beiden Messungen sehr genau und unbedingt in gleicher Höhe durchgeführt werden müssen. Messen drei verschiedene Personen am gleichen Baum, erhält man bereits am gleichen Tag oft drei verschiedene Ergebnisse. Je kürzer der Zeitraum zwischen den Messungen ist, desto gravierender wirken sich hier Messfehler aus.