Alter eines Baumes abschätzen

Jahresringe zählen

Das Alter eines Baumes lässt sich sehr einfach feststellen: man zählt einfach die Jahresringe. Dazu muss man den Baum umsägen oder zumindest anbohren. Beides sollte man einem Baum nicht ohne Not antun. 

Geht das auch ohne Verletzung?

  • Eine weitere Möglichkeit zur Abschätzung des Alters besteht darin, auf Erfahrungswerte aufzubauen. Der Stamm eines gesunden Baums in unseren Breiten wird jedes Jahr ein kleines Stück dicker. Wie dick ein Baumstamm ist, hängt u. a. von der artspezifischen Wüchsigkeit und dem Alter ab. Oder anders herum: kennt man die Baumart und die Dicke des Stammes, kann man das Alter des Baumes abschätzen.
    Hierzu findet man im Internet mehrere Tabellen und Anwendungen (siehe Kasten).

  • Eine andere nichtinvasive, aber aufwändigere und auch nicht immer erfolgreiche Möglichkeit ist die zumindest ergänzende Erkundung der Baumgeschichte. Andrea Kamphuis hat dies und die Probleme der Altersbestimmung in ihrer Website principia-magazin sehr anschaulich und unterhaltsam dargestellt. (13)

Was macht man bei mehrstämmigen Bäumen?

Bei mehrstämmigen Bäumen erhält man nach meiner Erfahrung schlüssigere Werte, wenn man den Umfang des stärksten Stammes oberhalb der Teilung zur Altersermittlung heranzieht.

Tabellen und Anwendungen im Internet

Man findet im Internet Möglichkeiten, das Baumalter einer bestimmten Art über den Durchmesser bzw. den Umfang des Stammes in Brusthöhe zu „berechnen“. So schön es ist, einen Wert einzugeben und eine Zahl aufs Jahr genau zurück zu bekommen: das können  nur grobe Schätzungen sein.

Ich habe im Internet 5 Anwendungen zur Altersabschätzung gefunden. 

1. baumsicht.de (15)

2. baumportal.de: Baumalter-Schätz-O-Meter (14)

3. baumportal.de: tabellarische Angaben (14)

4. cliftonparkopenspaces.org (17)

5. sondengänger-allgaeu.de (16)


Diskussion

Die Tabellen und Anwendungen im Internet (Kasten) funktionieren nach dem gleichen Prinzip: ein baumartspezifischer Faktor (ich nenne ihn Altersfaktor) wird mit dem Stammumfang in cm (bei 4. in Zoll) multipliziert. Der Faktor ist konstant, spiegelt also nicht die Variabilität des Zuwachses über die Lebenszeit eines Baumes wieder. Auch andere zu erwartende Einflüsse wie z. B. Bodenqualität und Klima bleiben unberücksichtigt. Diese Altersfaktoren liegen für alle in den Modellen erfassten Baumarten in einer Bandbreite von 0,13 bis 1,4 [Jahre/cm]. 

zu 1. Leider gibt nur baumsicht eine Quelle für die Werte an. Sie stammen aus einem Schriftstück der Bundesfinanzverwaltung: "Hinweise zur Wertermittlung von Ziergehölzen als Bestandteile von Grundstücken (Schutz- und Gestaltungsgrün) – Ziergehölzhinweise 2000 – ZierH 2000" vom Bundesministerium für Finanzen – Bundesfinanzverwaltung (Hrsg.) vom 20. März 2000, Bundesanzeiger Nr. 94 vom 18. Mai 2000. (38)

Die darin als Anhang III aufgeführte Tabelle enthält jährliche Zuwachsraten [cm Stammumfang/Jahr] für Laubgehölze. Für Nadelgehölze wird der jährliche Höhenzuwachs genannt, was hier nicht weiterführt. Woher auf der Seite von baumsicht die Werte für Nadelgehölze stammen, blieb auch auf Anfrage ungeklärt. 

Als Quelle für die Werte wird in der ZierH 2000 genannt: „Buchwald; H. H. (1988): ‚Wertermittlung von Ziergehölzen ...‘ Schriftenreihe des Haup[t]verbands der landwirtschaftlichen Buchstellen und Sachverständigen e.V. (HLBS) Heft Nr. 122, Verlag Pflug und Feder (verändert)“. Diese Veröffentlichung ist laut Amazon unter dem Titel "Wertermittlung von Ziergehölzen – Ein neuer methodischer Vorschlag" am 1.1.1989 als Taschenbuch erschienen und vergriffen.

Die in der Veröffentlichung von Buchwald erläuterte Methode zur Wertbestimmung ist in Fachkreisen der Sachverständigen umstritten. Sie führt offensichtlich zu Entschädigungshöhen, die für die Öffentliche Hand günstig sind. Die Methode wird wohl (deshalb?) überwiegend von öffentlichen Stellen angewandt, weniger von anderen Sachverständigen. Die Altersfaktoren selbst stehen nicht in der Kritik.

Zu bedenken ist, dass die Werte für Zierpflanzen erarbeitet wurden, also für Bedingungen, die möglicherweise andere sind als für einen Flur- oder anderen Baum. 

zu 2. und 3.: Die Daten der beiden auf der gleichen Website  dargestellten Möglichkeiten der Altersermittlung beruhen nach Angaben des Betreibers auf Werten von mehreren Tausend Messungen. Die oben genannte Bandbreite der Altersfaktoren wird (nur) von dieser Seite ausgeschöpft. Die Werte beider Anwendungen auf der gleichen Seite sind zum Teil widersprüchlich. Auch hier ergab eine entsprechende Frage im dortigen Forum keine Klärung dieses Mangels.

zu 4.: Die Anwendung steht auf der Seite von Clifton Park, einer Stadt im Saratoga County, New York. Die Werte dürften sich deshalb auf die dortigen Wachstumsbedingungen beziehen. 

In Clifton Park sind die Winter deutlich kälter und die Sommer wärmer. Die Mittlere Vegetationszeit (Tage mit einer mittleren Temperatur von 6° C und darüber) dauert in Freising mit 214 Tagen aber nur 1 Tag länger als in Clifton Parc. Sie reicht dort vom 4. April bis 2. November, in Freising von 29. März bis 28. Oktober, ist also im Saratoga County rund 5 Tage in den Herbst verschoben. Die um etwa 140 mm höheren Niederschläge dort fallen etwas ausgeglichener auf das Jahr verteilt als in Freising.

Die Flurbäume dieser Website stehen im Landkreis Freising oder Nachbarlandkreisen. Deshalb dient Freising als Referenzstandort. 


Zumindest für winterharte Bäume erscheint mir das Klima in Clifton Park mit einer praktisch gleich langen Vegetationszeit mit wärmerer Temperatur und höheren Niederschlägen nicht ungünstiger als hier bei uns. Bedenkt man, dass die für Deutschland erarbeiteten Faktoren zur Altersbestimmung von Bäumen auch innerhalb Deutschlands für dessen unterschiedliche Klimabedingungen gelten sollen, so erscheint es mir zulässig, die Werte aus USA für eine gemeinsame Betrachtung heranzuziehen.

Abb. 1: Vergleich der  Ø Monatsniederschläge in Clifton Park und Freising

Abb. 2: Vergleich der mittleren Monatstemperatur in Clifton Park und Freising, °C


Tabelle 1: Vergleich langfristiger Klimadaten für Clifton Park und Freising

Parameter Clifton Park Freising
mittlere Jahrestemperatur 8,3 °C 7,9 °C
mittlere Jahresniederschläge 972 mm 833 mm
kältester Monat, Ø-Temp. Januar: -6 °C Januar: -2,1 °C
wärmster Monat, Ø-Temp. Juli: 21,7 °C Juli: 17,0 °C
niederschlagreichster Monat August: 99 mm Juni: 111 mm
Vegetationszeit 213 Tage (4. Apr - 2. Nov) 214 Tage (29. Mär - 28. Okt)
mittlere Niederschlagsmenge in den Monaten April bis Oktober 612 mm 584 mm

Klimadaten mit freundlicher Erlaubnis von climate-data.org (14)


zu 5.: Die Werte entsprechen den Werten der tabellarischen Angaben von baumportal. Dort, wo baumportal für den Faktor eine (praxisfremde) Spanne von 0,3-0,5 angibt, steht hier 0,5. Zusätzlich wird ein Faktor für die Zeder genannt.


Zusammenfassung

Weitere konkrete Veröffentlichungen zur einfachen, nichtinvasiven Baumalterbestimmung sind mir bei meiner Recherche nicht untergekommen. Demnach scheint die Ermittlung des Alters einer bestimmten Baumart anhand des Stammumfangs wissenschaftlich noch nicht zufriedenstellend durchdrungen zu sein, möglicherweise entzieht sich die Methode auch einer solchen Betrachtung. Dafür sprechen z. B. Ergebnisse der 2002 und 2012 bundesweit durchgeführten Bundeswaldinventur. Abb. 3 zeigt die breite Streuung der Alterswerte, die zu einem bestimmten Durchmesser in Brusthöhe (BHD) beim Feldahorn gefunden wurden (Umfang = Durchmesser * 3,14).

Abb. 3: Brusthöhendurchmesser (BHD) des Feldahorns über dem Alter in Bayern (grün) und Deutschland (gelb). (27)


Die gefundenen und ohne erkennbare Einschränkung zitierbaren Daten habe ich in der Tabelle Altersfaktoren gegenübergestellt. Für Altersschätzungen auf dieser Website verwende ich die Durchschnittswerte dieser Tabelle mit einer Spannweite von +- 23 %, gerundet auf jeweils 10 Jahre. Es gelten die genannten Vorbehalte.